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zwanzig

ein dialog

personen: der onkel & der neffe

(die umgebung interessiert nicht) onkel und neffe unterhalten sich:

onkel: "vor zwanzig jahren war ich genau wie du"

neffe: "was willst du damit sagen?"

onkel: "dass ich damals auch noch geglaubt habe, dass es ausserirdische gibt. das war natürlich dumm."

neffe: "willst du damit sagen, dass ich dumm bin?"

onkel: "nein! aber das findest du selber heraus."

neffe: "und wenn ich dir sage, dass ich schon einen ausserirdischen gesehen habe?"

onkel: (lächelt) "das habe ich damals auch geglaubt."

neffe: "ach, und was hast du wirklich gesehen?"

onkel: "das weiss ich nicht mehr. aber das ist heute ja egal."

neffe: "warum? ist es dir heute egal, was du vor zwanzig jahren geglaubt hast?"

onkel: "natürlich nicht! aber das hilft mir heute nicht weiter."

neffe: "ach so. heute gibt es keine ausserirdischen mehr für dich, und damit ist es für dich ok."

onkel: "so ungefähr."

neffe: "und warum glaubst du, dass es keinen ausserirdischen gibt - ich meine warum glaubst du das heute?"

onkel: "weil ich noch nie einen gesehen habe!"

neffe: "doch! vor zwanzig jahren."

onkel: "das war doch nur einbildung, ..."

(schnitt)

onkel: "natürlich habe ich einiges gelernt. die welt ist nicht so, wie du sie siehst."

neffe: "du hast doch gesagt, dass du vor zwanzig jahren dumm warst, oder nicht?"

onkel: "na ja - vielleicht habe ich mich da falsch ausgedrückt - ich habe es eben nicht besser gewusst."

neffe: "nicht wissen ist dumm."

onkel: "wenn du es so sagen willst."

neffe: "und in den letzten zwanzig jahren, nachdem du den ausserirdischen gesehen hast, was ist da passiert?"

onkel: "ich habe geheiratet, gearbeitet, den tod gesehen, musik gehört, theater gespielt, urlaub gemacht, spanisch gelernt, krankheiten besiegt, telefoniert, ferngesehen, gelesen und nachgedacht, getrunken und gegessen, kinder gezeugt, freunde verloren, meinem chef die meinung gesagt, tapeziert, ein haus gekauft, gelacht, geraucht, geld ausgegeben, gefroren, gestritten und vertragen, gekocht, gefeiert, geküsst, gardinen angezündet, ratten verjagt, zahlen addiert, den mond betrachtet, die sonne gesehen, strafmandate bekommen, gelebt."

neffe: "und keine ausserirdischen mehr gesehen."

onkel: "die gibt es ja auch nicht."

neffe: "ach, und was hast du damals wirklich gesehen?"

onkel: "das weiss ich nicht mehr. habe ich doch schon gesagt."

neffe: "also hast du in den vergangenen zwanzig jahren vergessen, wie es vor zwanzig jahren war?"

onkel: "man kann sich doch nicht an alles erinnern!"

neffe: "aber wenn man ausserirdische gesehen hat, vergisst man das nicht!"

onkel: "ich habe keinen ausserirdischen gehen!"

neffe: "aber du hast es geglaubt."

onkel: "ich war dumm."

neffe: "also bin ich dumm."

onkel: "nein, warum?"

neffe: "weil ich schon einen ausserirdischen gesehen habe."

(schnitt)

neffe: "du hast doch gesagt, dass du vor zwanzig jahren genauso warst, wie ich heute - oder nicht?"

onkel: "das kann man wohl sagen."

neffe: "dann bin ich bestimmt in zwanzig jahren genau wie du heute."

onkel: "vielleicht."

neffe: "das will ich aber nicht!"

onkel: "ach - und warum nicht?"

neffe: "weil ich dann vergessen würde, dass ich ausserirdische gesehen habe."

onkel: "die gibt es doch gar nicht."

neffe: "wenn du vor zwanzig jahren keinen ausserirdischen gesehen hättest, dann"

onkel: (unterbricht) "dann was?"

neffe: "dann hättest du nie geheiratet, gearbeitet, den tod gesehen, musik gehört, theater gespielt, urlaub gemacht, spanisch gelernt, krankheiten besiegt, telefoniert, ferngesehen, gelesen und nachgedacht, getrunken und gegessen, kinder gezeugt, freunde verloren, meinem chef die meinung gesagt, tapeziert, ein haus gekauft, gelacht, geraucht, geld ausgegeben, gefroren, gestritten und vertragen, gekocht, gefeiert, geküsst, gardinen angezündet, ratten verjagt, zahlen addiert, den mond betrachtet, die sonne gesehen, strafmandate bekommen, gelebt."

onkel: "warum das denn nicht?"

neffe: "weil du dann nicht du wärst."

onkel: "so einfach ist das nicht."

neffe: "doch! glaubst du wirklich, dass jemand der dumm ist, das alles schaffen könnte."

onkel: "nein."

neffe: "also warst du nicht dumm."

onkel: "so gesehen muss ich dir natürlich recht geben."

neffe: "dann hast du ja vielleicht doch einen ausserirdischen gesehen."

onkel: "meinetwegen."

(schnitt)

neffe: "glaubst du mir nun, dass ich einen gesehen habe, oder nicht?"

onkel: "da es keine gibt, kann ich dir nicht glauben."

neffe: "du glaubst also selber nicht, was du vor zwanzig jahren gesehen hast?"

onkel: "heute nicht mehr."

(schnitt)

neffe: "hast du in den letzten zwanzig jahren viel gelernt?"

onkel: "oh ja!"

neffe: "aber genauso viel vergessen!"

(schnitt)

onkel: "..."

neffe: "..."

(während onkel und neffe die bühne verlassen, geben die ausserirdischen einen tosenden applaus).

stefan für hacky, 130196

epilog (variante eins)

neffe: (sauer...sehr sauer) "stell' in frage, wie du vor zwanzig jahren warst; aber nicht mich - sonst hör' auf mit mir zu reden!"

onkel: (grinst...leider) "!"

epilog (variante zwei)

neffe: (sauer...sehr sauer) "hättest du sowas vor zwanzig jahren schreiben können?"

onkel: (grinst...leider) "!"

epilog (variante drei)

neffe: (sauer...sehr sauer) "aus meiner sicht mache ich doch heute alles richtig - genau wie du vor zwanzig jahren!"

onkel: (grinst...leider) "!"

epilog (variante vier)

neffe: (sauer...sehr sauer) "zwanzig jahre sind ein tag, und ein tag ist zwanzig jahre!"

onkel: (grinst...leider) "!"

epilog (variante fünf)

neffe: (sauer...sehr sauer) "es ist nicht das alter, das uns unterscheidet; es ist die seele!"

onkel: (denkt nach...gott sei dank) "?"
die grundsätzlich offensichtliche motivation zu schreiben ist ein signal für den drang nach kommunikation und somit ausreichend, ein universum zu erschaffen,das positiven gedanken genügend spielraum gibt, um an diesen nicht nur teilzuhaben,sondern sie geradezu zu züchten. alles andere hat die zwangsläufige resignationzur folge und endet mit dem tod der seele im eigentlichen. stefan freise, 130196
zuviele worte lähmen nicht nur das handeln; sogar beschreiben sie die unfähigkeit,wirkliche taten zu vollbringen. stefan freise, 130196

ende

born: 18.11.2007

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