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spass

1

todd wachte als erster auf. wir anderen wurden von seinem hysterischen geschrei aus einem tiefen schlaf gerissen. normalerweise hätte es bestimmt eine ganze stunde gedauert, bis das zeug, das wir trinken mussten, seine wirkung verlor, aber unser tod kam schneller. oder sollte ich besser ermordung schreiben? ich dachte an phil. er musste stark verletzt sein, so wie sie ihn geschlagen und getreten hatten. er trug die schuld.
ich bemerkte, dass ich angebunden war. ich lag auf etwas hartem, mit kanten und einer glatten oberfläche. todd schrie immer noch. er hatte bereits ein gesamtbild unserer situation gewonnen, und das wissen um unser schicksal lud den wahnsinn in seinen körper ein.
etwas tropfte auf meinen unterarm - ich trug nur ein t-shirt; laut der wettervorhersage sollten wir eigentlich gutes wetter bekommen -. regen. ich öffnete meine augen und sah in den bewölkten himmel. es mussten fast 24 stunden vergangen sein, denn es wurde schon wieder dunkel. die dämmerung hüllte uns ein.
ich hörte phil, wie er leise stöhnte. er lebte. phil war 21 und einen kopf grösser als ich. genau wie wir anderen war er sommerlich gekleidet. zumindest als ich ihn das letzte mal gesehen hatte. ich nahm wahr, dass jetzt auch die beiden letzten unserer gruppe, ben und lex, zu bewusstsein kamen. ich schätzte, dass ungefähr fünf minuten vergangen waren, seitdem todds schreie mich aufgeweckt hatten, und er schrie immer noch. es sollten noch fünfzehn minuten vergehen, bis er für immer verstummte.

2

todd war der kleinste und schwächste von uns fünf. er wäre fast zu hause geblieben, weil es ihm zu gefährlich und riskant schien, durch die gegend zu trampen. er hätte sich gut mit kathreen zusammenschliessen können. als ich ihr in einer der letzten nächte vor unserem trip von unserem vorhaben erzählte, ist sie hysterisch geworden. sie drohte mir mit allem vorstellbaren, falls ich an, o-ton kathreen, diesem selbstmordkommando, teilnehmen würde. eine ihrer drohungen bestand sogar darin, mit ralph penmiller zu schlafen. den hielt ich allerdings seit jeher für impotent.

3

ich drehte meinen kopf auf die seite und sah zwei parallele linien im wald verschwinden. meinen kopf zur anderen seite gedreht, sah ich das gleiche bild, nur hier machten sie einen kleinen bogen. eisenbahnschienen. ein alltägliches verkehrsmittel sollte unseren tod bedeuten.
sofort riss ich an den fesseln; ohne erfolg. ich spürte, wie panik mich wie eine luftglocke umschliessen wollte, und atmete tief durch um mich zu beruhigen. todd war ein schlechtes vorbild. ben stammelte: "wir wollten doch, wir wollten doch nur spass haben."
bens letzte worte wurden von todds geschrei umhüllt, der jetzt grösstenteils nur noch durch die kehle pfiff. lex lag ganz ruhig auf dem schienenstrang. sieben minuten waren vergangen. keine zehn minuten mehr zu leben, und phil stöhnte erneut auf.

4

als wir in diese bar kamen - ich glaube, sie hiess red lane bar - drehten sich sofort alle köpfe in unsere richtung und es wurde still. wir waren müde, denn die letzten fünfzig meilen hatten wir zu fuss zurückgelegt. etwa dreissig bis vierzig männer schenkten uns ihre ganze aufmerksamkeit. in der ecke stand ein klavier, auf dem ein glatzkopf eine simple melodie spielte, die trotz eines hohen tempos wehleidig klang. das lag ohrenscheinlich an den verstimmten saiten. auf einer kleinen bühne tanzte ein junges mädchen zu dem einfachen rhythmus. das mädchen war nackt. und sie war das einzige weibliche wesen in der bar. als ben sie erblickte, sagte er zu uns, so leise, dass niemand anders es hören konnte: "mit der süssen muschi könnte ich heute nacht auch noch meinen spass haben."
er war der einzige von uns, der keine freundin hatte, deshalb musste er wohl immer dieses thema anschneiden, um den unterschied zu uns zu überdecken.

wir tranken einige biere. phil trank das meiste. zuviel. ich spürte noch immer die blicke der männer und fühlte mich leicht unwohl. wir waren nicht willkommen. so kam es, dass todd nach eineinhalb stunden bemerkte, dass er gehen wollte. während er es leise sagte, sah er sich in dem raum um, ohne einem der männer in die augen zu blicken. er fühlte sich nicht nur unwohl; er hatte angst. ben und phil wollten, soweit phil noch wollen konnte, bleiben. lex und mir war es egal, denn wir unterhielten uns über den weiteren verlauf unserer reise. verschwendete zeit, wie sich herausstellen sollte.

5

ich schaffte es meine rechte hand etwas zu lockern. innerlich nervös, fast hektisch - die panik hatte ich erfolgreich abgewehrt -, ging ich gegen meinen tod an. wer stirbt schon gerne. ich zerrte an dem seil, als wäre es mein leben.
"...spass haben...", schluchzte ben.

6

plötzlich stand phil auf, um zur bühne zu torkeln. er stolperte über einen leeren stuhl und fiel zu boden. ben lachte laut auf, und sein lachen hallte aus allen richtungen zurück, als wollte es ihn erschlagen. ungeschickt kam phil wieder auf seine beine und setzte seinen weg fort. "scheisse!", sagte todd mit einer stimme, die als medium nicht luft, sondern angst benutzte. lex und ich sahen auf. das mädchen schien phil nicht wahrzunehmen, und mit einem grinsen, das nur besoffenen vorbehalten ist, ging er auf sie zu. wir waren nicht willkommen, phil.

7

phil stöhnte laute des schmerzes.
lex war der lethargie verfallen.
todd jammerte eine symphonie aus angst und wahnsinn.
ben stammelte sein vorletztes: "spass haben".
ich kämpfte um mein leben.

ich dachte immer, dass glück sei nur auf der seite der filmhelden. mein rechte hand hatte ich frei bekommen. ich versuchte ein system in meinen fesseln zu finden. knoten die mein leben kosten sollten. fünf knoten an der richtigen stelle, und man ist innerhalb weniger minuten vergangenheit. noch fünf minuten. das leben der sonnenstrahlen, die jetzt durch die wolken brachen, brannten in meinen augen.

8

innerhalb eines kurzen augenblickes erfüllte stille den gesamten raum. sie drang in jede ecke. bens: "los phil, zeig ihr, was uns spass macht", wurde von ihr erschlagen.
phil hatte das mädchen angefasst.
er war um sie herum gewankt und hatte sie von hinten umarmt. seine bewegungen schienen apathisch und wie in trance. ben war in seiner begeisterung um phils auftritt aufgesprungen. doch zu seinem entsetzen wurde er von einem 2-meter-kerl hinter ihm wieder in seinen stuhl gedrückt. die männer sammelten sich um unseren tisch. ein kleiner rest kümmerte sich um unseren freund. die sicht zu phil war versperrt, doch die geräusche verrieten uns, was geschah; was mit phil geschah. er schrie nur einmal kurz auf, um dann dem dumpfen geräusch von schlägen den vorrang zu gewähren. ich kann mich nicht erinnern, wie lange es dauerte, bis wir an der reihe waren.

todd jammerte. ich glaube er hasste uns dafür, dass er mit uns getrampt war. er war das typische angstkind und litt in unserer gegenwart immer an unserer angeblichen stärke. doch wie eng grenzen stärke, mut und leichtsinn aneinander.
nun war todd der starke. er wusste wie man sich fürchtete, wie man sich vor angst fast in die hose machte.
wie der schliessmuskel seinen dienst zu verweigern schien. ben, lex und ich mussten all das in bruchteilen von sekunden lernen, in einem brutalen lehrgang, den wir mit bravour bestanden. doch keiner der männer rührte uns an, und die stille kam in den raum zurück.

zwischen uns und der theke bildeten die männer dann eine gasse, um einem mädchen den weg freizumachen, die uns weitere vier bier servierte. auch sie war nackt, und ihre brüste waren schon zu solchen herangereift, die dazu bestimmt waren, einmal die brüste einer frau zu werden. ihre augen waren...
...lautlos hatten die vier gläser ihren platz gefunden; lautlos hatte sich die gasse wieder geschlossen; lautlos war das mädchen verschwunden. da waren vier bier auf unserem tisch, die so anders waren, als all die biere, die ich jemals zu mir genommen hatte. lex, ben und ich sahen zu todd, dessen blick fest auf das glas vor ihm gerichtet war, und der seinem gewissen zu beichten schien. seine busse sollte es sein dieses bier zu trinken. wer als erster sein glas ansetzte, weiss ich nicht mehr.

9

phil war der erste. sein rechter arm wurde von den rädern der dampflokomotive glatt von seinem körper getrennt. er schleuderte in das antriebsgestänge.
"spass", drang durch das getöse.

bis auf einen fuss, der noch in einer lockeren schlaufe hing, war ich frei. die vibration in meinen adern wurde jetzt unterstützt. die gleise sangen ihr lied.

lex körper wurde mit einer für das menschliche auge nicht sichtbaren geschwindigkeit mit phils blut zugedeckt, um sich genau so schnell mit seinem eigenen zu vermischen. die beiden körper verschmolzen zu einem fleischbrei.

todds körper überholte mich, als ich von den schienen sprang. das heisst, nur die obere hälfte seines körpers. seine beine schienen für einen kurzen moment vor dem zug herzulaufen, bevor sie ben schlaff in die nieren traten.

der wahnsinn hatte ben gefangen, hatte damit aber keine gute beute gemacht. er starb mit ben. sie hatten ihn fest angebunden, denn anstelle des seiles rissen seine hand- und fussgelenke.

10

der zug, es war ein sehr kurzer zug - wie der, der mir als kind am bahnhof immer zugeflüstert hat: "ich fahre in das abenteür, in die freiheit. komm mit, kleiner mann". der zug, dem ich dann jedesmal antwortete: "ich muss doch um 6.00 uhr zu hause sein, und meine mum darf nicht wissen, dass ich am bahnhof sitze und träume, mit dir mitzufahren.wie 'tony, der kleine ausreisser'" -,war noch nicht ganz vorbei gefahren, als ich los lief. in die dunkelheit.

ende

born: 18.11.2007

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