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die treppe

unten (1949)

er zählte sie jedesmal mit. sie hatte fünfzehn stufen und führte vom wohnzimmer im erdgeschoss in den oberen flur. im ersten stock lagen drei schlafzimmer (das seiner eltern, das seines bruders don und sein eigenes), ein badezimmer und ein kleines arbeitszimmer. das arbeitszimmer, in dem seine mutter nähte und sein vater einmal im monat einen der fünf küchenstühle reparierte.

mit elf jahren fing er an, zwei stufen mit einem schritt zu nehmen, abgesehen von der fünfzehnten, auf die er weiterhin einen fuss setzte. man konnte die fünfzehnte zwar auch so zählen, aber er musste sie fühlen.

jetzt war chris dreizehn. eigentlich hiess er christopher, aber alle nannten ihn kurz chris. er hasste es in den späteren jahren christopher genannt zu werden, deshalb erzählte er es auch niemandem. als er dann jedoch zum alkoholiker wurde und ab und zu betrunken in irgendeiner bar sass, gab chris seinen vollen namen an den einen oder anderen thekennachbarn wie ein wohl behütetes geheimnis preis. alkohol unterdrückt bekanntlich hemmungen.

zwischen der achten und zwölften stufe war in der treppe ein enger linksbogen. einer dieser bögen, die die stufen an der innenseite sehr schmal werden lassen. es entstehen diese schmalen stellen, die man als kind immer ängstlich umging, bis man sich mutig genug fühlte, seine füsse exakt zu koordinieren. bis man mutig genug war, die treppe herauszufordern. tatsächlich war chris einmal abgerutscht. im alter von sieben prallte er im wohnzimmer auf den holzboden, nachdem er die fünfte und zweite stufe hart gestreift hatte. er bekam jedoch nur eine beule auf der stirn, und seine rechte hand konnte er eine woche nicht richtig nutzen. don stand mit siebzehn jahren auf der innenseite der neunten stufe und lachte laut. ihre eltern waren nicht zu hause. die meskowisks hatten sie zum essen eingeladen. ihr dad hatte sie vor einiger zeit zum flughafen nach poley gefahren, weil mrs. meskowisk ihre schwester in pheenix besuchen wollte. ihre mum hatte sich damals um deren kater gekümmert, was darin bestand, einmal am tag eine schale milch herüber zu bringen. mäuse gab es in rogue-village genug.

chris jammerte, dass don seine mum holen solle, aber don lachte nur noch lauter und liess chris im wohnzimmer liegen. als chris schliesslich wieder oben, war brüllte don ihn an. durch den lärm, den der sturz verursacht hatte, war ihre oma aufgewacht, und don musste wieder mit ihr zur toilette gehen. oma war damals zweiundneunzig und lag im bett, wenn don oder dad sie nicht gerade zur toilette führte.

schon mit sieben sah chris ein, dass es das beste wäre, wenn oma sterben würde, denn entweder musste dad oder don zu hause sein; und wenn seine eltern ausgingen war er mit don allein im haus. oma pinkelte (dann lag wieder für ein paar minuten der geruch von alter und krankheit im oberen flur), don wurde wütend, und das war schlecht für chris. ausserdem hätte er, wenn oma tot wäre, bestimmt ein eigenes zimmer, und musste nicht jedesmal dabei sein, wenn don abends im bett diese komische sache machte. er wusste zwar nicht genau, was er da machte, wenn dieser leise schnaufte und sein bettzeug rhythmisch raschelte, aber er fühlte, dass es nicht normal war und wollte nicht mehr länger dabei sein.

somit stellte er auch schon mit sieben jahren fest, dass oma niemandem etwas nutzte. diese krankheit ,dessen namen er sich nie merken konnte, machte oma zu einem problem für alle mitglieder der familie. seine eltern sprachen nicht gerne über sie, das spürte er. oma war mums mutter, und als oma dann im alter von zweiundneunzig starb (chris hatte zwei wochen zuvor seinen dreizehnten geburtstag gefeiert), weinte seine mum. damals hatte er es nicht verstanden.

don bekam omas zimmer, das genau gegenüber der treppe lag, und chris hoffte, dass von nun an alles gut werden würde. aber die krankheit kam zurück.

die zweite stufe (1987)

"chris, hast du den piepser nicht gehört?" krächzte dons stimme hinter der verschlossenen tür. chris hatte vor drei jahren einen piepser einbauen lassen, wie sie es im krankenhaus gibt. er ist auf diese idee gekommen als don für zwei wochen im krankenhaus von marlow lag. so musste er nicht jede halbe stunde nach oben gehen, um nachzusehen, ob es wieder an der zeit war, dons alten körper durch den flur zu führen. er hatte den piepser gehört. zum sechsten oder siebenten mal an diesem tag. es war februar und draussen lag schnee. deshalb war das haus beheizt. vielleicht lag es an der wärme im haus, dass don zu dieser zeit auffallend mehr probleme mit seiner krankheit hatte.

don war jetzt einundsechzig. mit zweiundvierzig hatte es ihn heimgesucht. chris hatte sich gerade mit der idee befasst, auszuziehen, als don eines morgens nicht zum frühstück herunter kam.

sein vater hatte ihn nach oben geschickt, um nach don zu sehen. chris die treppe hinauf

(2,4,6,.....,12,14,15!)

um nachzusehen, warum don nicht kam.

dons arbeit fing eine halbe stunde später an als chris'. deshalb gehörte es zu chris aufgaben, das frühstück zu machen. don hatte dennoch eine halbe stunde früher feierabend als chris, da er keine mittagspause machte, und sorgte somit für das abendessen. jedenfalls für eineinhalb jahre, denn dann entschloss sich don, direkt nach der arbeit zu joggen, was darauf hinauslief, dass auch das abendessen zu chris' aufgabe wurde. chris hatte mit der zeit viele aufgaben im haus übernommen, und manchmal (nein, oft) hatte er es satt, von don ausgenutzt zu werden, immer die hausfrau spielen zu müssen.

aber er liebte es die treppe (1,2,3,4,...,15) zu fegen. einmal in der woche wischte er sie.

als er an jenem tag in dons zimmer kam, stand dieser mit erschrockenem blick vor seinem bett und starrte auf das laken. ein fast kreisrunder fleck hatte sich ziemlich genau in der mitte des lakens ausgebreitet. dann blickte don, jetzt plötzlich mit unsicheren augen, zu chris, was diesen verunsicherte, da er sonst nur unter dons stärke zu leiden hatte.

"mum sagte, so hätte es bei der alten angefangen", sagte don, und chris konnte abscheu und verwirrung in dessen stimme hören.

dann roch er es. es war der bekannte geruch - einunddreissig jahre - den er vor ungefähr dreissig jahren das letzte mal einatmen musste. er war sofort wieder gegenstand der gegenwart, und er sollte wieder gegenstand des alltages werden.

chris rief in dons firma und in der agentur, in der er selbst arbeitete (eine agentur, die alten menschen, die hilfe brauchten, junge menschen vermittelte, die geld brauchten) an, und erzählte, dass ihr keller unter wasser stünde und sie daher nicht kommen könnten. chris half don, der zu nervös war, um alleine fertig zu werden, sich anzuziehen, und fuhr mit ihm zu doktor minnt. der sohn des arztes, der damals oma behandelt hatte. doktor minnt erinnerte sich an oma und überwies don sofort an einen spezialisten, ohne don zu untersuchen. er sagte nur, dass bettnässerei ein typisches symptom des alterns sei, mit einem blick, der chris die wahrheit verriet. don war zweiundvierzig. er und chris wussten, dass er krank war; sehr krank.

chris erinnerte sich genau an den neuen anfang einer alten familienlast und setzte seinen fuss auf die zweite stufe.

"zwei", dachte er unterbewusst.

die vierte stufe

chris mochte es nicht besonders, wenn gäste oder andere personen, wie handwerker im haus waren. die hausarbeit liess ihm auch nicht viel zeit, sich um gäste zu kümmern. don brachte früher oft ein paar freunde mit und betrank sich mit ihnen. chris ging dann hoch in sein zimmer und las eines seiner bücher über geschwister, die gemeinsam ihre kindheit verbrachten. er versuchte festzustellen, was don ihm genommen hatte. wenn dons freunde dann spät in der nacht das haus verlassen hatten, rief er chris mit irgendwelchen schimpfwörtern nach unten und sagte ihm, dass er nun aufräumen könne, denn er selbst hätte einen harten tag gehabt und wolle schnell in sein bett. einmal musste chris sogar den tisch in der küche aufräumen, um ihn direkt danach für das frühstück zu decken. er selbst ass dann aber nichts, weil der gestank von bier (chris trank zu jener zeit kaum alkohol) ihm den appetit nahm. an jenem morgen war don besonders schlecht gelaunt und gab chris die schuld für sein beschissenes leben, in dem alkohol das einzige war, das einen für kurze zeit alles vergessen liess.

ähnlich war es an dem abend, als don diese frau (candy), die chris sofort für eine prostituierte hielt, mitbrachte. "sieh' zu, dass die nutte aus dem haus verschwindet", hatte don am nächsten morgen befohlen. chris hatte urlaub und war somit den ganzen tag im haus. im unteren flur hatte jemand, don oder candy, ihren lippenstift zertreten, und der läufer musste dreimal in die wäsche. ausserdem war der aschenbecher (don rauchte nur, wenn er betrunken war) auf das sofa gekippt.

als don aus dem haus war, ging chris in sein zimmer, holte ein kondom aus einer seiner schubladen, ging in dons zimmer und zog sich aus. erst als er in sie eindrang, wachte candy auf. er hatte sie einfach candy genannt. alle nutten heissen candy. nach einer halben stunde kam sie und zerkratzte ihm dabei den hals. er kam direkt nach ihr, stand auf, warf das kondom in die toilette (die schlechte toilette) und warf candy aus dem haus. zehn minuten schlug sie noch gegen die haustür und schrie, dass sie noch dreissig dollar bekäme. noch bevor sie endgültig verschwand, war dons bett frisch bezogen. er bereute, was er getan hatte und schlief nie wieder mit einer frau in ihrem haus. eigentlich hatte er viele frauen im bett (in vielen betten) erlebt, aber er hätte es nie gewagt, sich zu verlieben. er hatte keine zeit für eine frau, und es gab don. chris war sich sicher, dass keine frau es länger als einen monat mit don aushalten würde. er selbst hatte es über sechzig jahre ausgehalten.

chris nahm schwerfällig - gegen abend bekam er mittlerweile regelmässig rückenschmerzen (von don) - die nächste stufe.

"vier", hörte er irgendwo in seinem kopf.

die sechste stufe

als chris siebzehn war, wurden seine eltern in new york ermordet. sein dad hatte zwei schnittwunden in der herzgegend und eine lange schnittwunde quer durch sein gesicht. seine mum hatten sie mit einer (ihrer) nylonstrumpfhose erdrosselt. sie war nackt, als man sie fand, doch laut der gerichtsmediziner war sie nicht vergewaltigt worden, obwohl sie für ihr alter noch sehr gut ausgesehen hatte. nach einer kleinen trauerfeier mit den nachbarn (verwandte gab es keine mehr), übernahm don das kommando. er bekam das sorgerecht für chris und sorgte nach bestem gewissen für seinen bruder. chris arbeitete damals schon in der agentur, und da diese nur zehn kilometer ausserhalb lag, gab es eigentlich keinen grund auszuziehen (einen gab es).

als er dann doch irgendwann erkannte, (er wusste es schon immer), dass er alleine besser leben würde, als mit don, liess sein bruder ihn nicht gehen. don zwang chris zu bleiben; mit dieser krankheit. natürlich war es nicht dons schuld, dass er hilfe brauchte, aber irgendwo in seinem unterbewusstsein machte chris don für alles verantwortlich. don hätte natürlich auch in einem heim leben können, aber chris hätte es bezahlen müssen, und so liess er alles so, wie es von anfang an war. ausserdem gab es seit jener zeit etwas, das ihn vor don schützte. die treppe. don existierte nur oben im ersten stock, auf der anderen seite der fünfzehn stufen, und sein einziger kontakt nach unten war der piepser. ganz zu anfang hatte don chris immer gerufen, wenn es wieder soweit war. aber genau wie seine beine, wie sein ganzer körper wurde auch seine stimme schwächer und seine rufe gelangten nur noch bis irgendwo zwischen die erste und fünfzehnte stufe. (danke, treppe!)

chris ' rechter fuss legte sich langsam auf die sechste stufe. er wollte leise hochgehen, damit don sich noch ein paar sekunden hilflos und einsam vorkam; er wollte ihn jammern hören, bis er die tür öffnete und diese aggressiven augen sah, die befahlen. als seine hacke fest auftrat löste sich eine "sechs" aus seinem hirn. er bemerkte nicht, dass seine lippen sich langsam und undeutlich mitbewegten.

die achte stufe

chris stand jetzt etwas rechts auf der sechsten stufe. die kommenden stufen waren rechts breiter (der bogen), und deshalb ging er aussen her. nicht, dass er beim treppensteigen unsicher geworden war - das alter -, aber er hatte wieder getrunken.

als er an diesem tag nach hause kam, hatte er sich und don ein paar brote geschmiert und rührei gemacht. zwischendurch musste er zweimal hochgehen und don zur toilette bringen (piep-piep---piep-piep). nachdem sie gegessen hatten, setzte er sich in das wohnzimmer um fernzusehen. es lief eine reportage über irgendeinen schriftsteller, der in der letzten zeit mit seinen aussergewöhnlichen horrorgeschichten aufsehen erregte. am ende der sendung zeigten sie ausschnitte aus verschiedenen filmen, für die seine bücher als vorlage dienten. nach einer kurzen pause kamen 'die brüder'.

doch chris sollte es nicht mehr mitbekommen.

der piepser rief ihn zur bruderliebe auf.

jetzt stand er auf der treppe. er dachte nach, was wäre, wenn er wie damals als kind abrutschen und herunterfallen würde. don würde bestimmt auf allen vieren aus dem zimmer gekrochen kommen, um zu lachen. don hasste ihn, und sein hass würde ihm die kraft geben, solange zu lachen, bis chris an seinen verletzungen krepierte. doch dann wäre don allein und würde in seiner scheisse ersticken. niemand würde den piepser hören. chris lachte leise über seine vorstellungen. wahrscheinlich gab ihm sein hass die kraft.

"chris, beeil' dich bitte."

die worte fanden ihren weg durch die tür und trafen chris auf dem weg von der sechsten auf die achte stufe. er kannte diese worte. sie waren bestandteil seines lebens. zu oft musste er sie hören.

"acht", sagte er leise.

die zehnte stufe

"steve, beeil' dich bitte."

(1951) chris zuckte zusammen. er ging aus seinem zimmer in den flur und rief seinen daddy herauf. don war angeblich mit einem seiner freunde angeln gefahren, und obwohl er nie einen fisch mitbrachte, fiel niemandem auf, dass er log.

wieder in seinem zimmer, sagte er zu kevin, ein schulkamerad, der sich ein paar bücher ausleihen wollte, dass das eben seine oma gewesen wäre, die ihre pillen brauchte. er schämte sich, die wahrheit zu sagen. seine mum und sein dad sprachen ja auch nicht viel über oma. kevin ging, denn chris sagte ihm, dass er jetzt den tisch für das abendessen decken müsste. als chris kevin zur tür bringen wollte, kam ihnen sein dad auf der achten stufe (die achte stufe mochte er besonders, weil sie so ein interessantes muster im holz hatte) entgegen. sein dad ging natürlich, weil es für die jungen zu gefährlich war, innen, und sagte mit einem lächeln, wie es erwachsenen kleinen jungen vorspielen: "auf wiedersehen kevin, und gruss an deine eltern."

als die haustür in das schloss fiel, wurde der obere flur wieder von diesem geruch erfüllt, den nie ein freund von chris (eigentlich hatte chris nie einen richtigen freund gehabt) gerochen hatte. er hasste diesen gestank, der für ihn der realste anteil an einer nicht sichtbaren krankheit war, und verstand nicht, dass seine eltern oma nicht in ein heim brachten. nachdem der geruch wieder verflogen war, ging chris zurück in sein zimmer und las die geschichte 'mein bruder ist der beste' zu ende. er hätte auch gern einen bruder wie diesen alex gehabt. in solchen momenten wünschte er sich immer, dass seine mum noch einen kleinen jungen bekäme, um den er sich kümmern könnte, wie pete für alex sorgte. zwei wochen später nahm er das buch aus dem schrank, kramte seinen federhalter aus seiner schultasche und änderte die worte 'pete' und 'alex' um. in 'chris' und 'don'...

... don und chris...

(1987) er hatte keinen kleinen, schwachen bruder für den er sorgen durfte. er hatte einen kranken, starken (schwachen) bruder, für den er sorgen musste. mit dreiundvierzig fing chris zu trinken an, und erst im letzten jahr wurde er zum alkoholiker. zumindest wollte er es vorher nie zugeben. niemand ahnte etwas davon, niemand kannte ihn, und für die welt draussen (unten) war er ein alter mann, der langsam so alt wurde, dass einige kleine macken akzeptiert wurden. zum beispiel fragte chris regelmässig am mittwochmorgen, jede ihn bekannte person, ob sie am vorherigen tag 'die brüder' gesehen habe, eine fernsehserie die von zwei sich liebenden (er hasst mich! ich hasse ihn?) brüdern handelte. einige der leute wussten, dass chris zuhause für einen kranken bruder sorgte, und aus chris' übertriebener neigung zu 'die brüder' schlossen sie, dass er froh und stolz war, seinem bruder helfen zu dürfen.

jetzt sah ihn niemand, und chris war betrunken. er hatte in einer dreiviertel stunde eine halbe flasche wodka getrunken und hoffte, denn heute war dienstag, dass don nicht vor ende der sendung piepte, denn sonst könnte chris am folgenden tag nicht mitreden, wenn man über gary und phil sprach. tatsächlich würde er am kommenden morgen mit niemandem über 'gary wird krank' sprechen. auch am darauffolgenden mittwoch nicht. er ahnte auch nicht, dass er gary und phil nie wiedersehen würde. das letzte, das er von den beiden wusste, war, dass gary krank war, und phil fünf tage darunter leiden sollte. (fünf tage). das happy-end kam zu spät für chris.

"ja don, christopher ist gleich bei dir", lallte er, und leise fügte er "zehn" hinzu.

die zwölfte stufe

er war jetzt in der kurve. für einen kurzen moment machte er auf der breiten stufe (aussen) pause und stellte fest, dass er zu alt und möglicherweise zu betrunken war, um zwei stufen mit einem schritt zu nehmen. er sollte wieder anfangen, jede stufe zu nehmen. aber heute wollte er noch nicht aufgeben und nahm die zwölfte stufe.

"zwölf", sagte er und erinnerte sich, wie stolz er gewesen war, als er endlich, wie sein dad, zwei stufen mit einem mal nehmen konnte.

die vierzehnte stufe

chris ' blick war auf die klinke gerichtet, mit der er in zehn minuten die tür zuziehen würde, nachdem er es wieder einmal hinter sich gebracht hatte, hinter sich bringen musste. bis er das nächste mal...

seit ein paar wochen musste don sogar nachts aufstehen. einmal wäre er fast mit don gefallen, als seine hausschuhe auf einer wasserlache vor dem waschbecken wegrutschten. don hatte ihn mit müder stimme gesagt, dass es für ihn bestimmt ungefährlicher sei, alleine auf die toilette zu gehen, als sich von chris führen zu lassen. "meinetwegen", hatte chris gesagt und ihn durch seine schmalen und roten augen angesehen, "hier hast du das papier." er reichte don ein paar blatt toilettenpapier, und sein gähnender mund wurde zu einer grinsenden fratze. "versuch doch mal, deinen scheissarsch selbst abzuwischen. ich werde bestimmt einen mordsspass haben, wenn du lang auf den boden krachst."

"das wirst du nicht wagen", hatte don müde, aber scharf zurückgegeben, und damit hatte er verdammt recht. hätte chris nicht vor eineinhalb stunden seine achte oder neunte flasche bier getrunken, hätte er es noch nicht einmal gewagt, so mit don zu reden. als don fertig war und chris ihn gesäubert hatte, drückte chris die spülung, und wie immer meinte er hinter dem rauschen des wassers, das für kurze zeit die zeichen für dons schwäche wegspülte, das lachen des schicksals zu hören. doch als das letzte wasser die emaillewand herunter floss, war es wieder ruhig. kurz darauf lagen beide wieder in ihren betten. dons geruch sorgte dafür, dass chris eine halbe stunde brauchte um einzuschlafen.

die toilette war am anderen ende des flures. chris hatte sich angewöhnt, die toilette unten im haus zu benutzen. sein dad hatte sie damals einbauen lassen, als oma diese krankheit bekam. chris konnte sich nicht mehr daran erinnern, er war schliesslich noch nicht geboren, wie sie eingebaut worden war. für ihn gehörte sie schon immer zu dem haus. für ihn war es 'die gute toilette', im gegensatz zu 'die schlechte toilette ' oben; was er für sich behielt. manchmal, wenn er auf der 'guten' toilette sass, und eines seiner bücher durchblätterte, meinte er, stimmen in den leitungen zu hören: "gleich ruft die alte wieder, und stinkt die schlechte toilette voll." irgendwann glaubte er sogar zu hören, wie die stimmen sagten: "du weisst es doch chris, deine mum weiss es, dein dad weiss es, don, ihr alle wisst es: es ist besser, wenn sie endlich draufgeht."

"sie muss sterben."

"vierzehn", sagte chris.

die fünfzehnte stufe

(...er musste sie fühlen...)

"sie muss sterben." chris erinnerte sich, und jetzt kam die erkenntnis; so klar wie nie zuvor. irgendwo in seinem kopf stand der satz, den sein geistiges auge jetzt suchte. er hatte ihn nie gefunden, er hatte ihn auch nie gesucht. es gibt dinge, die man nur finden kann, wenn man sie sucht. und unter dem einfluss des billigen wodkas sprang sein geistiges auge auf eine andere, unbeherrschte und emotionale ebene. ohne hemmungen.

"er muss sterben." chris könnte nachts schlafen. er hätte bestimmt keine rückenschmerzen mehr. er könnte gäste einladen, die nicht gehen müssten, wenn es piept. (piep-piep---piep-piep). vielleicht würde er vom alkohol wegkommen, und er stellte sich vor, eine frau zu haben.

"liegst du wieder besoffen in der ecke? du sollst mir helfen." chris wusste genau, wie don zur tür blickte, als er das sagte, er kannte seine augen. sie strahlten hass und aggression aus. dieser blick symbolisierte die macht, die don über chris besass, seine ganze stärke konzentrierte sich in seinen augen. chris würde die tür öffnen, er würde diese augen sehen und seinen bruder zu der toilette führen, ihn zurück in sein bett bringen, heruntergehen, und den schluss von 'gary und phil' sehen. dons augen würden es ihm befehlen.

mit einundfünfzig war er zu alt, um diesen augen zu widerstehen.

"fünfzehn", dachte chris.

oben

don sagte gar nichts. seine augen sprachen. chris half ihm aus dem bett und schleppte ihn durch den flur. don setzte sich auf die (schlechte) toilette. chris wartete. "hol' mir frische unterwäsche", befahl don. "wenn du nicht kommst, kann ich nichts dazu, dass ich es nicht halten kann."

aggressiv sah don ihn an (augen). langsam ging chris in das kleine arbeitszimmer, in dem mittlerweile ihre kleiderschränke standen. er öffnete die schranktür und nahm eine frische unterhose für don aus dem regal. als er sich umdrehte, fiel sein blick auf eine lange schere (augen), die er nie bewusst gesehen hatte. synchron fiel der blick seines geistigen auges auf diesen satz: "er muss sterben."

er nahm die schere und wickelte sie in die unterhose. chris hörte den aufprall. "chris hilf mir, schnell", stöhnte don. er legte die unterhose mit der schere auf den tisch und ging zu don zurück. er war von der toilette gefallen. (chris sah sich selbst mit sieben jahren vor der treppe liegen und hörte dons lachen.) chris lachte. er lachte über seinen bruder. er lachte und lachte.

"hilf mir, bruder", kam es aus dem mund, der sonst nur befahl. chris' lachen erstickte, und sein geistiges auge begab sich dieses mal auf die suche nach einem einzigen wort: bruder. er fand es zweimal. einmal beinhaltete es liebe, einmal stand es im direkten zusammenhang mit hass. chris blickte seinem bruder in die augen. don sah hilflos zu ihm hinauf. chris fragte höhnisch: "bruder?"

"er muss sterben", sangen die rohre. dons augen waren schwach. erst jetzt nahm chris den geruch war und drückte die spülung. und mit dons exkrementen verschwanden chris' letzten zweifel. dann ging er in den flur.

"chris, was ist los?"

chris stand in seinem zimmer vor dem bücherregal. er suchte ein buch mit dem titel 'gute nacht, bruder jonathan'. er fand es. er hatte sich richtig erinnert. das buch war gross und dick. wirklich gross und wirklich dick. ein wirklich gutes buch. nachdem er es aus dem regal gezogen hatte ging er wieder zu don, der immer noch auf seine ellenbogen gestützt, vor dem becken lag.

chris stellte sich breitbeinig über don, nahm das buch hoch über seinen kopf, holte aus und sagte synchron zum ersten aufprall: "gute nacht, bruder don."

er schlug bestimmt zwanzig mal auf don ein und versuchte sooft wie möglich dessen kopf zu treffen, der schon nach dem zweiten schlag die erste platzwunde aufwies. don stöhnte zwischen dem dritten und vierten schlag noch einmal kurz auf, aber dann rutschten seine arme weg, und sein kopf schlug auf den harten boden. unter der wucht des achten schlages starb chris ' bruder don.

chris war völlig wahnsinnig und fast wäre er auf die idee gekommen, die schere zu holen, und diese augen (augen) endgültig zu zerstören.

auf der treppe

chris liess ihn einfach vor der toilette liegen und stellte das buch (blut) in das regal zurück. nun sollte alles gut werden.

...fünfzehn

jede einzelne stufe.

...vierzehn

die treppe war gut.

...dreizehn

sie war die mauer zwischen ihm und don gewesen.

...zwölf

...elf

sie hatte ihren dienst erfüllt.

...zehn

(innen)

...neun

...

...sieben

...eins

unten

sofort als er im wohnzimmer (vor der treppe) aufschlug war chris tot. mit dem einsetzen der schlussmelodie fielen sich gary und phil in die arme.

ende

born: 18.11.2007

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